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Es gibt Songs, die begleiten einen nebenbei. Und dann gibt es jene Stücke, die jede Aufmerksamkeit einfordern. Zwei Paradebeispiele dafür sind „Creep“ von Radiohead und „Drive“ von R.E.M.. Beide Songs folgen einem ähnlichen dramaturgischen Prinzip: Sie bauen Spannung auf, ziehen den Hörer förmlich in ihren Bann und entladen sich schliesslich in einer gewaltigen Eruption aus Gitarrenklängen.

Gerade diese beiden Stücke zeigen eindrucksvoll, wie wirkungsvoll musikalische Dynamik sein kann. Dieser langsame Aufbau, die stetig steigende Spannung – man wird mitgezogen, spürt die Energie und diese gewaltige Ladung an Power, bis sie sich endlich in einem lauten Gitarren-Ausbruch entlädt. Es versteht sich von selbst, dass solche Songs nicht als Hintergrundmusik funktionieren können. Nein, sie müssen laut gehört werden. Direkt. Mit voller Wucht. Nur so entfalten sie ihre gesamte emotionale Wirkung.

Bei „Creep“ ist es vor allem Gitarrist Jonny Greenwood, der diesem Prinzip seinen unverwechselbaren Stempel aufdrückt. Während Sänger Thom Yorke seine verletzlichen Zeilen vorträgt, scheint die Musik zunächst beinahe zurückhaltend. Doch dann folgen jene legendären, aggressiven Gitarrenschläge zwischen den Akkorden, die sich wie ein elektrischer Kurzschluss durch den Song ziehen. Sie wirken wie ein emotionales Ventil für all die Frustration, Unsicherheit und Selbstzweifel, welche die Lyrics transportieren. Wenn sich der Song im letzten Drittel vollständig öffnet, entsteht eine Klangwand, die bis heute zu den intensivsten Momenten der Rockmusik der Neunzigerjahre zählt.

Einen ähnlich faszinierenden Spannungsbogen verfolgt „Drive“. Der 1992 veröffentlichte Song beginnt beinahe hypnotisch. Michael Stipes stoisches, wiederkehrendes „Tick-Tack“ wirkt dabei wie ein imaginärer Countdown. Mit jeder Zeile steigt die Erwartungshaltung. Etwas kündigt sich an. Etwas Grosses. Die Instrumentierung bleibt zunächst kontrolliert, fast zurückhaltend, bevor sich der Song schliesslich in einer gewaltigen Gitarrenlawine entlädt. Die verzerrten Gitarren brechen förmlich über den Zuhörer herein und verwandeln die zuvor aufgebaute Spannung in pure Energie.

Dieses Gefühl transportiert auch das legendäre Musikvideo zu „Drive“. Unter der Regie des englischen Regisseurs Peter Care entstand der Clip Ende August 1992 innerhalb von zwei Nächten am Sepulveda Dam im Stadtteil Sherman Oaks von Los Angeles. Die ikonischen Schwarz-Weiss-Bilder zeigen Michael Stipe, der von einer Menschenmenge getragen wird und dabei zwischen Kontrolle und Kontrollverlust zu schweben scheint.

Sowohl „Creep“ als auch „Drive“ leben von genau diesem Wechselspiel zwischen Zurückhaltung und Explosion. Beide Songs beweisen eindrucksvoll, dass wahre Kraft in der Spannung liegt. Nicht im permanenten Lärm, sondern in dem Moment, in dem sich alles aufstaut und schliesslich entlädt. Wenn die Gitarren einsetzen, ist das keine Begleitung mehr – es ist eine Befreiung. Und genau deshalb haben diese beiden Stücke auch Jahrzehnte nach ihrer Veröffentlichung nichts von ihrer Faszination verloren.

Fun Facts:
Beide Songs, «Drive» wie auch «Creep» wurde am 21. September 1992 veröffentlicht.

Später erinnerte sich Stipe an die besondere Atmosphäre während der Dreharbeiten. Unter den Besuchern befanden sich unter anderem Regisseur Oliver Stone sowie der Schauspieler River Phoenix (†1993). 

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